„Digitales Lob wirkt noch nicht ganz wie echtes“, gibt Antje Boetius, die Direktorin des Alfred-Wegner-Instituts zu, als sie ihren Begrüßungsworten und dem Applaus zuhört. Sie ist beim ersten Helmholtz-Nachhaltigkeitsgipfel in Berlin-Buch per Videokonferenz zugeschaltet. Der Hörsaal ist gut gefüllt, zirka 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgen ihre Botschaft. Boetius ist eine Vorkämpferin für den Schutz der Ozeane, sie spricht Land ein Land aus über den Klimawandel und seine Folgen – und macht Mut mit ihrer Botschaft: Noch können wir die Dinge ändern, aber wir müssen dieses Zeitfenster jetzt tatsächlich nutzen.

Eine Videobotschaft statt echter Präsenz? Eigentlich ganz passend für die Nachhaltigkeitskonferenz der größten deutschen Forschungsorganisation, in der es normal ist, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um den Globus reisen, um Konferenzen, Symposien und Workshops zu besuchen. Normal, aber ist es auch unverzichtbar? Der Auftakt zeigt: Es geht auch anders. Antje Boetius winkt zum Schluss überschwänglich mit den Armen zu uns ins Auditorium, der Funke ist von der Leinwand übergesprungen, die Stimmung ist gut. Das Digitale transportiert das Emotionale dann doch erstaunlich gut.

Von CO2-Abdruck, Strategieplanung bis zur Campusentwicklung: Der Helmholtz Substainability Summit 2019

Das Programm des Nachhaltigkeitsgipfels (Helmholtz Sustainability Summit, vom 28. bis 29. November 2019) ist breit gefächert: vom CO2-Abdruck über die strategische Personalentwicklung bis hin zur Mobilität, zum Gesundheitsmanagement, der Strategieplanung oder Campusentwicklung. Die Workshops laufen parallel und bieten vor allem eins: viele Möglichkeiten zum Diskutieren. 

Der Raum, in dem wir über CO2-Abdruck und verantwortungsvolles Handeln reden, bietet Werkstatt-Charakter. Es gibt keine Stühle, auf denen man es sich bequem machen kann, sondern Stehtische. Man muss sich einbringen. Aljoscha Born vom GEOMAR gibt einen Impulsvortrag und erläutert, woran er arbeitet: Im Rahmen der Helmholtz-Klimainitiative (HI-CAM) soll eine Roadmap erstellt werden, wie man Klimaneutralität zusammen mit den Zentren erreichen kann. Born hat seine Folien noch nicht beendet, als die Diskussion über die Frage entflammt, bis wann die Helmholtz-Gemeinschaft Klimaneutralität anstreben sollte. Viele Teilnehmer sprechen sich für ein ehrgeiziges Ziel aus, denn Helmholtz habe auch eine Vorbildfunktion.

Wir müssen neue Wege gehen.

„Wir müssen uns trauen! Hat jemand wirklich daran geglaubt, dass der Mensch zum Mond fliegen kann? Und schon ein paar Jahre später war es soweit“, mahnt ein anderer Teilnehmer. Wichtig sei, dass man in den Zentren die Bereitschaft erhöhe, neue Wege zu gehen. An vielen Zentren, auch dem HZB, gibt es bereits Umweltteams, in den die Mitarbeitenden sich engagieren und Druck machen, nachhaltiger zu forschen und zu arbeiten.

Was in der Diskussion besonders deutlich wurde: Einige Zentren scheitern an Vorschriften, die zum Beispiel die Einführung eines Jobtickets oder nachhaltige Beschaffungen verhindern. In anderen Zentren hat man hingegen Wege gefunden, das gesetzlich Mögliche auszuschöpfen. Immer wieder gibt es Nachfragen: „Wie macht ihr das eigentlich?“ Der einhellige Wunsch ist es, sich stärker auszutauschen und mehr über die Best-Practice-Beispiele aus anderen Zentren zu erfahren. Die Zeit zum Diskutieren – zumindest in diesem Workshop – ist um. Eine letzte Wortmeldung wird zugelassen, bevor alle den Raum verlassen, sie endet mit der Botschaft: „Diskutieren Sie nicht über die Probleme, seien Sie mutig!“

Wissenstransfer muss neu gedacht werden

Ein weiterer Workshop des Gipfels beschäftigt sich mit dem Wissenstransfer. Natürlich gibt es den klassischen Ansatz, dass Forschung auch verwertbar für die Gesellschaft sein muss. Das heißt: Die Frage „Was geschieht mit meinen Ergebnissen?“, muss quasi im Hinterkopf der Forschenden mitschwingen. „Aber reicht das aus? Ist das nachhaltig genug? Müssen wir nicht viel früher durch strategische Partnerschaften mit der Industrie erfahren, was die wichtigen Zukunftsfragen sind – und an diesen Impulsen unsere Forschung ausrichten?“, fragt eine Teilnehmerin. Einige Instrumente gehen bereits in diese Richtung, zum Beispiel die Helmholtz Innovation Labs, in denen Forschende Lösungen in frühen Phasen mit Partnern aus der Industrie gemeinsam entwickeln. Diesen Dialog müsse man weiterentwickeln und systematisieren, so das Fazit.   

Die Basis macht Druck – Mitarbeiter fordern mehr Nachhaltigkeit

Zum Abschluss des Nachhaltigkeitsgipfels schildert Klaus Hamacher, der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums, seine persönlichen Eindrücke: Er sehe eine sehr starke Bewegung beim Thema Nachhaltigkeit, die von den Beschäftigten der Helmholtz-Zentren ausgehe. Die Geschäftsführungen und Vorstände hätten momentan das Problem, dass sie mit diesem Druck von der Basis kaum Schritt halten könnten. „Wir müssen uns wieder an die Spitze der Bewegung setzen“, sagt er und würdigt das hohe Engagement der Mitarbeitenden. Und noch einen weiteren Aspekt betont Hamacher: Es gehe ihm auch um Glaubwürdigkeit. Helmholtz kann sich nicht darauf beschränken, nur für Nachhaltigkeit zu forschen, sondern muss auch selbst nachhaltig arbeiten und handeln.

Eine klimaneutrale Helmholtz-Gemeinschaft wäre Vorreiter in der Gesellschaft

Vom ersten Helmholtz-Nachhaltigkeitsgipfel geht eine Signalwirkung aus, die viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sicher an ihre Zentren tragen werden: Wir sind mit unseren Fragen und der Suche nach Lösungen nicht allein, Helmholtz ist groß. Das Thema Nachhaltigkeit bietet eine echte Chance, als Gemeinschaft weiter zusammenzuwachsen. Und Helmholtz hat das Potenzial, mit einer ehrgeizigen Klimastrategie zum Vorreiter in der Wissenschaft und Gesellschaft zu werden. Nutzen wir diese Chance. Packen wir es an! 

1 Kommentar

  1. Danke, Silvia, für diesen Artikel! Ich sehe ebenfalls eine große Dynamik, die sich in diesem Gipfel widerspiegelt. Den Hintergrund bilden neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, dass die planetaren “Kipp-Punkte” doch früher erreicht werden als bisher gedacht. So hatte Johann Rockström in seiner Keynote vom Vorabend des Summits von einem “Planetary Emergency Plan” gesprochen, den wir jetzt bräuchten. Und auch Hans-Joachim Schellenhuber, sein Vorgänger am PIK (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung), sagt in in den Tagesthemen: “Wir sind mitten drin im Klimanotstand”. Auf der Tagung “Helmholtz-Horizons” im November hatte der HGF-Präsident noch von “fascinating developments in the area of climate change” gesprochen. Dieses Wording scheint überholt und wurde auf dem Summit auch nicht mehr wiederholt. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Unmut einiger Teilnehmer (mich eingeschlossen) verstehen, wenn Helmholtz sich keine ambitionierten Ziele setzt. Gerade jetzt wäre die Vorreiterrolle der wissenschaftlichen Einrichtungen extrem wichtig: für Deutschland und letztendlich auch international für alle “Bremser” wirksamer Klimapolitik, die mit Genugtuung auf Deutschland schauen, ein unübersehbares Signal.

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